top of page

Google Maps Stau: Die seltsamste Rush Hour Berlins

Autorenbild: Laura Andracchio
Laura Andracchio
9. Sept.
3 Min. Lesezeit

Sommer 2019 in Berlin. Die Sonne scheint, die Strassen sind ungewöhnlich leer. Kein Hupkonzert, keine stehenden Kolonnen, kein genervtes Trommeln auf dem Lenkrad. Und trotzdem schlägt Google Maps Alarm. Eine Strasse färbt sich erst orange, dann tiefrot. Angeblich geht hier kaum noch etwas vorwärts. Wer die Navigation nutzt, wird vorsorglich umgeleitet. Nur gibt es da ein kleines Problem:


Die Strasse ist leer.


Mittendrin läuft lediglich ein Mann mit einem knallroten Handwagen. Darin befindet sich nichts, was normalerweise einen Stau verursachen könnte. Keine Baustellenabschrankung, kein Unfall und schon gar keine Autoschlange. Stattdessen liegen darin 99 eingeschaltete Smartphones. Auf allen läuft Google Maps, alle senden Standortdaten – und alle bewegen sich im gemütlichen Schritttempo vorwärts. Der Mann hinter der Aktion ist der Berliner Künstler Simon Weckert. Mit seinem ungewöhnlichen Spaziergang schaffte er etwas, wofür es normalerweise Hunderte Fahrzeuge braucht:


Er erzeugte einen virtuellen Stau.


Wie 99 Smartphones einen Google Maps Stau auslösten

Lasst uns mal die Fakten checken.


Google Maps erkennt den Verkehrsfluss unter anderem anhand anonymisierter Standort- und Bewegungsdaten. Befinden sich viele Geräte gleichzeitig auf derselben Strasse und bewegen sich ungewöhnlich langsam, liegt für das System eine naheliegende Vermutung nahe: Hier steckt der Verkehr fest.


Dass die Geräte nicht in Autos lagen, sondern gemeinsam in einem Handwagen durch Berlin gezogen wurden, konnte der Algorithmus damals nicht erkennen. Für Google Maps sah die Situation deshalb aus wie eine langsam vorwärtsrollende Fahrzeugkolonne.


Die Folge: Die Strasse färbte sich auf der Karte rot. Navigationssysteme interpretierten die Strecke als überlastet und empfahlen anderen Verkehrsteilnehmenden eine alternative Route. So entstand ein Stau, der nur digital existierte – und trotzdem ganz reale Auswirkungen auf die Routenplanung haben konnte.


Faktencheck

  • Google Maps nutzt unter anderem die Bewegungsdaten zahlreicher Geräte, um die aktuelle Verkehrslage einzuschätzen.

  • Viele Geräte, die sich am selben Ort nur langsam bewegen, können als stockender Verkehr interpretiert werden.


  • Weckert transportierte 99 eingeschaltete Smartphones in einem roten Handwagen durch Berlin.

  • Auf Google Maps wurden die eigentlich freien Strassen daraufhin als stark befahren beziehungsweise verstopft angezeigt.

  • Die Aktion fand bereits 2019 statt. Das dazugehörige Video wurde Anfang 2020 veröffentlicht und ging anschliessend viral.

  • Weckert bezeichnete sein Projekt als „Google Maps Hacks“.

  • Ziel der Aktion war nicht einfach nur, Google hereinzulegen. Sie sollte zeigen, wie stark digitale Systeme unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen – und wie manipulierbar diese Systeme sein können.


Ein harmloser Streich mit einer ernsten Botschaft

Auf den ersten Blick ist die Aktion ziemlich lustig: Ein Mann spaziert mit einem Handwagen durch Berlin und bringt einen der grössten Technologiekonzerne der Welt aus dem Takt. Dahinter steckt jedoch eine grössere Frage:


Was passiert, wenn wir digitalen Daten mehr vertrauen als unseren eigenen Augen?


Google Maps zeigt uns nicht einfach die Realität. Die Plattform erstellt ein digitales Abbild davon – basierend auf Daten, Wahrscheinlichkeiten und automatisierten Interpretationen. Normalerweise funktioniert das erstaunlich gut. Doch Weckerts Aktion macht sichtbar, dass selbst ein scheinbar objektives System nur so zuverlässig ist wie die Informationen, die es erhält. Wenn genügend Geräte behaupten, dass irgendwo ein Stau herrscht, wird aus dieser Behauptung auf der Karte eine vermeintliche Tatsache.


Und diese digitale Tatsache kann wiederum unser Verhalten verändern: Autofahrerinnen und Autofahrer meiden die Strasse, wählen andere Routen und erzeugen möglicherweise anderswo tatsächlich mehr Verkehr. Eine falsche Annahme des Systems beginnt damit, die reale Welt zu beeinflussen.


Google reagierte erstaunlich entspannt auf die Aktion. Ein Sprecher erklärte, dass die Verkehrsdaten laufend anhand verschiedener Quellen aktualisiert würden. Dazu gehörten unter anderem aggregierte und anonymisierte Standortdaten von Personen mit aktivierten Ortungsdiensten sowie Hinweise aus der Google-Maps-Community. Das Unternehmen begrüsse kreative Nutzungen von Google Maps, da solche Experimente dabei helfen könnten, das System langfristig zu verbessern. Zwischen Autos und Motorrädern könne Google inzwischen unterscheiden – für 99 Smartphones in einem Handwagen habe man damals jedoch noch keinen passenden Filter gehabt.


„Traffic data in Google Maps is refreshed continuously thanks to information from a variety of sources, including aggregated anonymized data from people who have location services turned on and contributions from the Google Maps community. We appreciate seeing creative uses of Google Maps like this as it helps us make maps work better over time. The company also notes that while it has figured out how to distinguish between cars and motorcycles, it does not yet have any way to filter for Weckert’s setup.“

Fair enough. Mit einem digitalen Handwagenangriff rechnet vermutlich auch im Silicon Valley niemand.


Und was lernen wir daraus?

Ein Mann, ein roter Handwagen und 99 Smartphones haben Google Maps einen Stau vorgegaukelt, der in der Realität nie existierte. Kunst? Hack? Gesellschaftskritik? Oder einfach ein verdammt guter Streich? Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Vor allem aber erinnert uns die Aktion daran, dass Technologie nicht automatisch die Wahrheit zeigt. Sie zeigt uns eine berechnete Version davon – und auch diese kann falsch, unvollständig oder gezielt manipuliert sein.


Bei aller Technikliebe: Um Himmels willen, vergesst nicht, selbst zu denken.


Und falls ihr euch den wohl entspanntesten Stau der Berliner Geschichte selbst ansehen wollt:



1 Kommentar


Doris Andracchio
09. Sept.

Interessant, dass ein einziger Mensch nur mit Hilfe von Smartphones ein ganzes System in die Irre führen kann. Und ja, die Technik ist hilfreich, aber die eigene Intuition darf nicht verloren gehen. Sehr guter Beitrag und für mich kein unnützes Wissen, im Gegenteil. Danke dafür🙏

Gefällt mir
bottom of page