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Pokémon Go Daten: Während du gespielt hast, wurde die Welt kartiert

Autorenbild: Laura Andracchio
Laura Andracchio
6. Mai
4 Min. Lesezeit

Sommer 2016.


Plötzlich standen überall Menschen mit ihrem Handy in der Hand. Vor Kirchen, in Parks, mitten auf Plätzen – oft ohne erkennbaren Grund. Wer es nicht kannte, hat sich gefragt, was zum Teufel da eigentlich los ist.


Die Antwort: Pokémon Go.


Pokemon Go spieler in der natur

Ein Spiel, das digitale Figuren in die reale Welt projiziert und dich dazu bringt, rauszugehen, dich zu bewegen und deine Umgebung durch die Kamera zu erkunden. Innerhalb kürzester Zeit wurde es zu einem globalen Phänomen – mit Hunderten Millionen Downloads und einer Community, die deutlich länger durchgehalten hat, als viele erwartet hätten.


Was damals wie ein cleveres Spielprinzip wirkte, hatte allerdings noch eine zweite Ebene. Denn immer wieder wurden Spieler dazu aufgefordert, bestimmte Orte zu scannen: Den Brunnen auf dem Platz, die Statue im Park, die Fassade eines Gebäudes. Ein kurzer Kameraschwenk, ein paar Sekunden Aufwand – mehr war es nicht.


Oder doch?


Was viele dabei nicht auf dem Radar hatten:


Diese Scans waren kein Zufalls-Feature. Sie mussten aktiv gemacht werden. Du entscheidest dich bewusst, einen Ort zu scannen. Und genau deshalb argumentiert Niantic auch, dass das nichts mit „heimlicher Datensammlung“ zu tun hat.


Was man daraus macht, ist dann wieder eine andere Frage.


Pokémon Go: Willkommen im grössten Nebenprojekt der Welt

Die Firma hinter dem Spiel, Niantic, hat über Jahre hinweg Milliarden solcher Bilder gesammelt – und daraus etwas gebaut, das weit über ein Spiel hinausgeht. Denn hier entsteht keine klassische Karte. Hier entsteht ein System, das versteht, wie die Welt aussieht.


Der Unterschied ist entscheidend:

Es geht nicht mehr nur darum, zu wissen, wo etwas ist – sondern auch, wie es dort aussieht.

Und genau das wird dann wichtig, wenn Technik an ihre Grenzen kommt. GPS zum Beispiel.

Funktioniert gut – bis es das nicht mehr tut. Gerade in Städten, zwischen hohen Gebäuden, kann deine Position schnell mehrere Meter danebenliegen. Für dich ist das höchstens nervig. Für autonome Systeme ist es ein echtes Problem. Denn „ungefähr hier“ reicht nicht, wenn du dich selbstständig durch eine Strasse bewegen sollst. Also braucht es eine andere Lösung. Keine bessere Karte – sondern ein anderes Prinzip.


  • Statt Koordinaten: Bilder

  • Statt Satelliten: visuelles Verständnis


Zum Vergleich:

GPS liegt im Schnitt etwa fünf Meter daneben.

Das ist der Unterschied zwischen Gehweg und Strasse.


Für dich egal. Für einen Roboter nicht.


Eine Kamera erfasst die Umgebung, ein trainiertes Modell gleicht sie mit bestehenden Daten ab – und bestimmt so den Standort. Nicht auf zehn Meter genau. Sondern auf Zentimeter. Und plötzlich wird klar, warum diese scheinbar harmlosen Scans überhaupt existiert haben.


Irgendwann fiel Spielern auf, dass gewisse Orte plötzlich auffällig oft gescannt werden sollten. Offiziell ging es um bessere AR-Erlebnisse. Inoffiziell wirkte es manchmal fast so, als würde Niantic gezielt fehlende Teile seiner Karte zusammensammeln.


Die Karte, die sich selbst baut

Und genau hier liegt der eigentliche Vorteil gegenüber klassischen Karten:


Die Welt verändert sich ständig.

Strassen werden angepasst. Baustellen kommen und gehen. Geschäfte verschwinden, neue entstehen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich Strassen jedes Jahr um etwa 1–2 % verändern. Bei lokalen Geschäften sind es sogar 10–20 %. Eine Karte, die nur alle paar Monate aktualisiert wird, kommt da nicht mehr mit. Eine, die sich ständig selbst füttert, schon.


Was nach Forschung klingt, ist längst im Einsatz. Zum Beispiel bei Coco Robotics. Kleine Lieferroboter, die selbstständig durch Städte fahren. Über Gehwege. An Kreuzungen vorbei. Direkt bis vor die Haustür. Und die wissen ziemlich genau, wo sie sind. Nicht, weil GPS plötzlich besser geworden ist. Sondern weil sie sehen, wo sie sind.


Das eigentlich Spannende passiert aber im Hintergrund. Während diese Roboter unterwegs sind, tun sie genau das, was vorher Millionen Spieler gemacht haben:


Sie sammeln Daten.

Bilder.

Perspektiven.

Bewegungen durch den Raum.


Und spielen alles zurück ins System. Die Karte wächst also weiter. Wird genauer. Aktueller. Präziser.

Mit jeder einzelnen Bewegung. Kein statisches Produkt. Sondern ein System, das sich permanent selbst verbessert.


Eine Welt für Maschinen

Was hier entsteht, ist im Grunde eine zweite Version unserer Realität. Nicht für uns gemacht. Sondern für Maschinen. Eine Welt, die nicht nur aus Koordinaten besteht, sondern aus erkennbaren Strukturen, Oberflächen und Perspektiven. Eine Welt, in der sich ein System orientieren kann – so wie wir es mit unseren Augen tun.


Und Pokémon Go ist dabei nur ein Teil der Story. Autos filmen Strassen. Smartphones scannen Räume. Kameras hängen an Haustüren, in Autos, auf Brillen. Überall entstehen gerade solche Datensätze. Nur selten so elegant verpackt wie in einem Spiel.


30 Milliarden Gründe, das ernst zu nehmen

Das sind über 30 Milliarden Bilder. Nicht gesammelt von Tech-Firmen. Sondern von Menschen, die einfach ein Spiel gespielt haben. Und zwar genau dort, wo sich später auch Maschinen bewegen sollen: auf Strassen, Gehwegen, in Parks.


Das klingt erstmal unspektakulär. Ist es aber nicht.


Denn Maschinen kommen in der echten Welt erstaunlich schlecht klar. Die wissen nicht, wo ein Eingang ist. Nicht, wo der Gehweg aufhört. Nicht, wie eine Kreuzung „funktioniert“.


Für uns selbstverständlich. Für sie nicht. GPS hilft ein bisschen. Aber eben nur ein bisschen. Ein paar Meter daneben – und es wird schnell unbrauchbar. Deshalb geht es hier nicht um bessere Karten. Sondern darum, dass Systeme überhaupt verstehen, was sie vor sich haben. Und genau dafür sind diese 30 Milliarden Bilder plötzlich ziemlich relevant.


Und was macht man jetzt damit?

Die ehrliche Antwort: Das meiste davon existiert noch gar nicht. Lieferroboter sind ein Anfang. Aber nicht das Ziel. Wenn man das weiterdenkt, landet man ziemlich schnell bei allem, was sich eigenständig durch die Welt bewegt.


  • Autos, die nicht nur Strassen kennen, sondern Situationen verstehen.

  • Brillen, die dir Dinge exakt im Raum anzeigen können – ohne zu verrutschen.

  • Systeme, die wissen, wo sie sind, ohne sich auf ungenaue Signale verlassen zu müssen.


Im Grunde geht es darum, dass Maschinen sich so orientieren können wie wir. Nicht perfekt. Aber gut genug, um im Alltag zu funktionieren. Und dafür brauchst du genau das: eine Welt, die nicht nur gemessen, sondern verstanden wird.


Vielleicht passiert das nicht morgen. Vielleicht auch nicht in zwei Jahren. Aber die Grundlage dafür wird gerade gebaut. Und ein Teil davon stammt aus einem Spiel, bei dem du eigentlich nur ein bisschen draussen rumgelaufen bist.


Hier gibt's noch ein YouTube Video zum Thema, falls es euch interessiert:


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